Mittwoch, 15. Oktober 2008

Gespräch mit der Tödin

Eine Geschichte voller Mitgefühl und Magie
Ein Mann rief seinen besten Kumpel an. Sie kannten sich schon seit zwanzig Jahren, hatten aber schon lange nicht mehr miteinander gesprochen. Ja, man nimmt sich keine Zeit mehr, um alte Freundschaften zu pflegen. Erst, wenn einer der beiden in Not ist, wird sich wieder erinnert. Der Anrufer, nennen wir ihn Johann, hatte daher ein ganz bestimmtes Anliegen. Er wußte um die Fähigkeiten der Frau seines Freundes, und hoffte, dass sie helfen konnte, denn Johann´s Mutter hatte einen Hirnschlag erlitten und lag nun im Koma. Er fragte seinen Freund, Björn, ob seine Frau da nicht etwas tun könne. Ja, natürlich konnte sie etwas tun.
Sie rief den Geist der Frau, der ziehmlich verwirrt war, nicht wusste, wo er sich befandet, und um Hilfe ersuchte,....ja sogar froh war, dass endlich jemand kam, um sie aufzuklären. Die Frau erklärte dem Geist von Johann´s Mutter was passiert war. Doch Johann´s Mutter war unsicher. Sie wollte eigentlich nicht dahin gehen, wo ihr schon verstorbener Mann , der zu seinen Lebzeiten ein recht jähzorniger Mensch war. Sie war sehr unschlüssig, wusst nicht, was sie tun sollte.
Die Frau sprach über ihre Kinder, die sich doch Sorgen um sie machten, Angst hatten, dass sie stirbt, sie nie wieder sähen........Voller Mitgefühl bat sie Johann´s Mutter, doch noch einmal zurück zu kommen, ihre Söhne und ihre Tochter wünschten es sich doch so sehr.
"Ja kann ich das denn", fragte Johann´s Mutter.
"Du must den Willen haben zurück zu kehren", sagte die Frau. "Deine Kinder wollen noch ein bischen Zeit mit Dir verbringen."
Die Frau machte Johann´s Mutter Mut, so dass sie sich entschloss, noch einmal zurückzukehren, für ihre Kinder, und sie freute sich darauf, sie zu sehen.
Doch die Frau wusste auch, dass sie erst noch die Tödin um Erlaubnis fragen musste. Also, rief sie sie. Die Tödin, die natürlich alles mitangehört hatte, stand schon bereit und lächelte. Sie kannten sich, die Frau, und die Tödin. Schon einige Male war sie ihr begegnet, und die Frau wusste, dass sie vor ihr keine Angst haben brauchte. Sie ist eine gütige Mutter, die Tödin, und die Menschen haben ihr in tausenden von Jahren viele Namen gegeben.
"Ihr Menschen", sagte sie, "wollt immer noch ein bischen Zeit."
Die Frau spührte die Gegenwart der Tödin wie eine weiche, dunkle und warme Energie auf der Brust, wie eine flüchtige Berührung, die ihren Arm streifte. Nichts Böses, nichts Häßliches, nichts Grausames war da zu spühren, im Gegenteil. Sie hatte Mitleid und gewährte Johann´s Mutter noch etwas Zeit.
"Aber bedenke", sagte sie noch zu der Frau von Björn, "diese Zeit wird nicht ewig dauern. Es ist nur ein Aufschub des Unvermeidlichen."
Die Frau bedankte sich bei der Tödin und verabschiedete sich, kehrte zurück zu Johann´s Mutter, die schon wartete, und bat sie nun eindringlich die Augen zu öffnen, und in´s Leben zurück zu kehren.
Ja, um 22.16 Uhr öffnete sie die Augen,...das wusst die Frau, sie spührte es ganz genau.
Ein paar Tage später rief Björn seinen Freund an und erkundigte sich nach dem Befinden seiner Mutter. Der war hoch erfreut, und bedankte sich. Seine Mutter wäre wieder bei Bewußtsein, aber sie könne ihn nicht mehr erkennen, wissen nicht mehr, wer er sei. Einzig an die Frau von Björn könne sie sich erinnern.......
Schon fast bescheiden und leise fragte Johann, ob man denn da nicht noch etwas tun könne.
"Nun gut, so soll es sein", sagte die Frau von Björn, und nahm sich die Zeit, in einer ruhigen Minute, noch einmal zu dem Geist von Johann´s Mutter zu sprechen. Sie erklärte ihr, dass es jetzt dringend nötig sei, ihr Gehirn mal ein bischen in Schwung zu bringen, damit sie ihre Söhne auch erkenne. Sie zeigte ihr, was zu tun war, um diesen Prozeß in Gang zu setzen. Mit ein wenig Mühe, denn Johann´s Mutter war da noch etwas ungeübt, gelang es ihr dann.
Zwei Wochen später war sie so weit, den Gesichtern, die sie so hoffnungsvoll ansahen Namen zu geben.
Jetzt ist Johann´s Mutter in einer Kur, und erholt sich recht gut........
Aber,....die Frau muß Johann noch beibringen, dass die Tödin zurück kommen wird, um seine Mutter dann entgültig mitzunehen.
© Eine Geschichte von
Rosi Sanchez Garcia

Kommentare:

Merawen hat gesagt…

Die Geschichte ist wunderschön, weil sie zeigt, dass der Tod nichts ist, was uns Angst machen sollte...

Ashmodai hat gesagt…

Wunderschöne Geschichte....Und ich glaub, sie ist wahr, oder? :)
Ich nenne den Tod zwar nicht Tödin, aber ich habe keine Angst - ich freu mich eher aufs Nachhausegehen.

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Hallo Merawen!
Es freut mich, dass Du Dir die Zeit genommen hast sie zu lesen.....
Liebe Grüße
Grey Owl




Ja,...Ashmodai!!!
Alles Liebe
Grey Owl

Elfe hat gesagt…

Hallo liebe Grye Owl Calluna

Da ist eine berührende Geschichte. Ich frage mich auch immer wieder, z.B. wenn ich in die Stadt gehe, ob ich wohl wieder nach Hause komme und ob ich bereit wäre für so einen plötzlichen Tod. Gerade für Menschen, die sich nie mit solchen Themen befassen, denke ich mir, dass deren Geist z.B. nach einem Unfalltod möglicherweise sehr verwirrt ist.
Danke Dir und schönes Wochenende.
Lieben Gruss
Elfe

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Hallo liebe Elfe!
Duch die Plötzlichkeit eines solchen Geschehnisses erklären sich wohl einige der "Geister", die wir sehen, spühren, erahnen,...aus dem Augenwinkel,....manchmal, in einem besonderen Moment.
Da ich nun schon einige Male der Tödin so nahe war,.....na ja....wenn ich mir jetzt so vorstelle,.....warum nicht,....wenn sie mag, soll sie mich mitnehmen, auch wenn ich meine noch so viel hier zu tun zu haben,....am Ende entscheidet "Sie". Deshalb:"Jeden Tag, als ob´s der letzte wäre!!!"
Ganz liebe Grüße
Grey Owl

Anonym hat gesagt…

Hallo Grey Owl!

Die Geschichte ist schön erzählt. Sie liest sich so, als gehöre sie zum "Erfahrungsschatz" der Menschheit. Die Geschichte fasziniert mich und gleichzeitig beunruhigt sie mich, da du von deinen "Fähigkeiten" erzählst.

Wir haben schon im Leben immer zu wenig Zeit, wie wird es im "Angesicht" der Tödin sein. Im slawischen heißt es nicht "der Tod", sondern "Die Tödin"...

Gruss schlagloch.